„Würde“ – das neue Buch von Gerald Hüther. Eine Empfehlung.

Gerald Hüther hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt kurz und prägnant „Würde“. Seine Kernthese: „Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.“

Hüther geht von der Beobachtung aus, dass die Lösungen, die wir Menschen bis jetzt für unsere Probleme gefunden haben, nicht länger taugen. Und nicht nur, dass sie nicht mehr taugen, sie seien selbst Teil des Problems geworden.

Woran aber kann sich der Mensch ausrichten, wenn die Wahrheiten, die bisher galten, nicht mehr gelten? Hier sieht Hüther einen „inneren Kompass“, der uns Menschen immanent sei und uns als Individuum sowie als Gemeinschaft die Richtung weisen könne: unsere Würde.

Hüther behandelt diesen Ansatz aus neurobiologischer Perspektive. Nicht philosophisch, nicht spirituell, nicht religiös oder gar führungstheoretisch. Vielmehr sieht er die Würde als konstituierenden Aspekt des Menschseins. Würde sei jedem Menschen zu eigen und kann ihm auch nicht genommen werden kann. Sie sei in uns angelegt, weil unser Gehirn so ist wie es ist, sagt Hüther.

Auch in diesem Buch benennt Hüther Verbundenheit und Autonomie als zwingende Grundbedürfnisse des Menschen. Alles, was den Menschen zum Menschen macht, könne der Mensch nur im Beziehen auf andere Menschen erfahren und lernen. Wir sind soziale Wesen und dabei Gemeinschaften von Individuen, sagt er: „wir kommen zwar als Menschen zur Welt, aber wir brauchen andere Menschen, um zu dem werden zu können, was uns als Menschen ausmacht.“

Genau an der Stelle sieht Hüther nun den Sündenfall. Die allerwenigsten Eltern seien in der Lage, ihren Kindern dauerhaft mit vorbehaltloser Liebe zu begegnen, d.h. sie seien nicht in der Lage, die nicht irgendwann zu „Objekten“ zu machen. Die Beobachtung (oder der Vorwurf), dass wir Menschen andere Menschen zu Objekten machen, zieht sich durch das gesamte Werk von Gerald Hüther.

Das Zum-Objekt-Machen beginne schon in der Kita und setze sich fort in der Schule. Es ist der Bereich der Bildung, insbesondere der frühkindlichen Bildung, die Hüther sehr am Herzen liegt. Ein Mensch, der in jungen Jahren erfährt, dass er kein „Subjekt“ ist, das seinen Wert in sich selbst trägt, sondern ein Objekt, das bewertet wird, das beschult wird, das benotet wird, das funktionieren muss nach den Maßstäben anderer – ein solcher Mensch habe nur zwei Möglichkeiten, den damit verbundenen „Schmerz“ zu überwinden:

Er müsse auch seinerseits andere Menschen als Objekte behandeln (und damit schlimmstenfalls zum Verbrecher werden oder zu einem mächtigen Manager, der für Profit über Leichen geht), oder er müsse sich selber zum Objekt degradieren, d.h. seinen Selbstwert herabsetzen und sich blöd finden. In beiden Fällen würde die Krankheit, die unsere Gegenwart auszeichne, weitergegeben.

Die Aufgabe müsse also sein, dass die Menschen, die ihre eigene Würde bereits (wieder-) entdeckt haben, aufstehen, sich sicht- und hörbar machen, um anderen Menschen die Erfahrung zu ermöglichen, ihrerseits wieder oder endlich ein würdevolles Leben zu leben. Das jedoch ginge nur durch Erfahrungen, nicht durch Fortbildungsmaßnahmen oder Gesetze.

Hüther sagt: „Ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst geworden ist, braucht weder den Erfolg beim Kampf um begrenzte Ressourcen noch irgendwelche Ersatzbefriedigungen, die ihm von Werbestrategen angeboten werden“. Ein solcher Mensch würde außerdem nicht länger die Würde anderer Menschen verletzen, denn „das wäre unter seiner Würde.“

Er geht davon aus, dass wir Menschen gar keine andere Wahl hätten, als diesen Weg zu gehen. Denn unser Gehirn sei biologisch darauf angelegt, in Balance zu bleiben und möglichst wenig Energie aufzuwenden. Es strebe nach „Kohärenz“. Und der Zustand, in den wir unsere Welt gebracht haben – sozial, seelisch, ökologisch, wirtschaftlich – sei alles andere als kohärent.

Würde jedoch sei gelebte Kohärenz. Würde sei sichtbare Menschlichkeit.

Letztlich kann ein Mensch nur die eigene Würde verletzen, nicht die Würde eines anderen. Wir müssen also bei uns selber beginnen. Unserem Gespür wieder trauen lernen, welches Verhalten würdevoll ist und welches nicht. Manche Verhaltensweisen würden dann automatisch unmöglich. Verhaltensweisen, die andere, die die Natur, die unsere Umwelt im allgemeinen beschädigen. Produkte und Dienstleistungen wäre unverkäuflich, wenn ihre Herstellung auf dem Würdeverlust anderer beruht.

Vor allem aber müsse unser Bildungssystem komplett verändert werden. Wir müssten damit aufhören, unsere Kinder zu irgendwem machen zu wollen.

Hüther spannt auch den Bogen in das Zusammenleben der Völker. Seiner Meinung nach verlieren repressive Systeme immer dann ihre Macht, wenn sich ihre Bürger ihrer Würde bewusst werden. Wenn Sie darauf bestehen, nicht länger als Objekte behandelt zu werden.

Dies zu tun, sich derart zu verändern, würde aber auch bedeuten, dass unser Konsum radikal abnehmen würde. Denn ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst ist, sei nicht mehr anfällig für Werbung und Verführung und brauche keine Ablenkungen in Form von Shopping, Gossip, TV-Shows etc. Eine Gesellschaft, deren Bürger sich würdevoll verhalten, wäre eine völlig andere Gesellschaft als unsere heutige.

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Mit seinen Gedanken über die Würde bietet Gerald Hüther einen starken und praktischen Beitrag für neue Lösungen. Er reiht sich ein in aktuelle Ansätze über Theorie U, transformationales Führen, Morphische Felder, Fühlen, Herzöffnung, Entanglement, Generative Coaching und in die Thesen der Vielen, die derzeit unter den Überschriften Führung 4.0, Agilität oder New Work unterwegs sind.

An allen Ecken und Enden heißt es ja seit einiger Zeit, dass man agil arbeiten solle, d.h. selbstverantwortlich, kreativ, kooperativ, auf Augenhöhe, unhierarchisch usw. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie… Unser Bildungssystem, unsere Wirtschaft, unsere Politik sind vollumfänglich darauf ausgerichtet, dass Menschen zu zuverlässigen Arbeitskräften und willigen Konsumenten herangezogen werden, und damit alles andere sind als agil.

Das Ergebnis: ein ökologisches, soziales und wirtschaftliches Desaster. Eine Krise jagt die nächste. Und auch wenn die Menschheit Armut abgebaut, die Kindersterblichkeit verringert, neue Zugänge zu Wissen geschaffen hat wie nie zuvor ­– so wird doch immer deutlicher, dass es so nicht weitergehen kann.

Und nun sind die Management-Seminare voll mit Anleitungen, sich so zu verhalten, dass es all dem widerspricht, was Menschen bisher gelernt haben und immer noch lernen. Denn im Grunde bedeutet agiles Arbeiten nichts anderes als erwachsene Menschen so zu behandeln wie Maria Montessori einst ihre Schüler behandelt hat: als eigenständige, vollwertige Wesen, als Subjekte mit Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortung.

Was mir an dem Ansatz von Hüther gefällt, ist, dass es sich hier nicht um eine neue Methode, Technik oder Theorie handelt, sondern dass er sich ganz darauf beruft, was der Mensch im Kern ist. Nämlich ein Wesen der Würde. Ein Mensch eben. Und jeder Mensch hat (zumindest bis kurz nach der Geburt) ein untrügliches Gespür dafür, wenn seine Würde verletzt wird. Mit diesem Gespür kommen wir zur Welt!

Wir müssen also eigentlich gar nicht etwas Neues lernen – es würde ausreichen innezuhalten und uns wieder auf uns selbst zu besinnen. Das macht Mut. Das braucht Mut. Ein starkes Buch.

Gerald Hüther
„Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“
Knaus Verlag

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