#metoo – oder: Wie sagt man(n)’s denn nun?

Es ist eine gewaltige Eruption, die gerade die Menschen erschüttert. Überall auf der Welt stehen Frauen auf und rufen „Me too“ – auch ich bin sexuell belästigt und bedrängt worden. Oder Schlimmeres.

Es ist nicht das erste Mal, dass Frauen diese (An-) Klage führen, und doch war das Echo noch nie so groß. Prominente zeigen sich, Nachbarinnen, Freundinnen, Facebook-Kontakte, Kolleginnen. Niemand kennt keine Frau, die nicht Me-Too sagen muss.

Die Aufmerksamkeit ist groß, und in allen Medien ringt man nach Worten und Reaktionen. Natürlich haben auch die alten Reflexe Bestand: derb-brutale Beschimpfungen gehen Hand in Hand mit Irgendwie-Sind-Wir-Auch-selber-Schuld.

Und doch ist diesmal etwas anders. Und die meisten spüren das sehr deutlich.

metoo3Auffällig, wie schwer sich die Männer tun, Stellung zu nehmen. Bei denen, die sich aufrichtig mit dem Thema auseinandersetzen, spürt man in jedem Satz, wie sie die Balance finden wollen zwischen Anteilnahme und Mitgefühl, Scham und Schuldgefühlen, Entspanntheit und Lockerbleiben, Dominanz und Distanz.

Auch die Frauen tun sich schwer. Blanker Zorn zeigt sich und tiefe Männerverachtung – aber auch der Wunsch, gemeinsam mit den Männern neue Lösungen zu finden.

Aber bleiben wir bei den Männern. Ich merke deutlich, wie schwer es mir fällt, einen Beitrag zu formulieren, der der Tiefe des Themas gerecht wird, aber weder anbiedernd noch angeberisch daher kommt. Mit dem ich mich als Mann nicht klein mache und auch nicht drüber hebe. Das Minenfeld ist dicht bestückt…

Was darf man(n) denn noch sagen, hallt die Männerklage durch die Timelines und Kommentarspalten. Was eben noch ein ganzer Kerl war, zeigt sich plötzlich unsicher und in der Folge verärgert oder kriecherisch – beides nicht hilfreich. Dabei ist es doch ganz einfach…

Auf der sicheren Seite ist man(n) mit Aussagen über eigene Empfindungen:

  • Ich mag Dein Haar
  • Ich liebe Deinen Gang
  • Ich freue mich, wenn ich dich sehe
  • Ich finde Dich attraktiv
  • Ich möchte Dich kennenlernen
  • Ich werde ganz wuschig, wenn ich Dich so sehe

Schwierig wird’s bei Aussagen über die Frau:

  • Du siehst heiß aus
  • Du hast einen geilen Arsch
  • Du willst es doch auch
  • Lächle mal
  • Du bist ja groß, klein, dick, dünn, heiß, geil
  • Dich sollte man mal richtig rannehmen

metoo2Was immer geht:

  • Freundlich sein
  • Begeistert sein
  • Lustvoll sein
  • Erfreut sein
  • Berührt sein

Was nicht geht:

  • Beschimpfen
  • Haben-Wollen
  • Herabwürdigen
  • Körperlich berühren
  • Geschlechtsorgane zeigen oder anzügliche Gesten

Schwierig wird’s…

  • …im beruflichen Kontext
  • …in Abhängigkeitsverhältnissen aller Art
  • …in Kontexten, in denen es um Inhalte und Kompetenzen geht

Es ist schon interessant: Wir Männer lieben dicke Autos; vollgestopft mit Gadgets und PS. Und vor allem randvoll mit Sensoren und Assistenzsystemen. Eigentlich bräuchten wir das jetzt auch für unser Innenleben: Sensoren, die uns anzeigen, ob der Abstand stimmt oder nicht – und der Abstand stimmt nicht,…

  • …wenn die Frau dies sagt oder zeigt
  • …wenn die Frau auf den Flirtversuch nicht sichtbar eingeht
  • …wenn die Frau mit Angst oder Abscheu reagiert
  • …wenn die innere Haltung, mit der man(n) den Versuch startet, nicht von Freude getragen ist sondern von Besitzenwollen, Rachsucht, Wut, Neid, Arroganz, Spott usw.
  • …wenn auch nur der Hauch eines Du-Willst-Es-Doch-Auch-Gedankens da ist

metoo4Der Mann ist der Jäger, der Krieger, der, der ein Risiko eingeht, der sich aus der Deckung traut, der wirbt, der nicht gleich aufgibt, der kreativ wird, der den ersten Schritt macht. Ein Mann, der erst um Erlaubnis bittet, ob er flirten darf, erlischt die Glut schneller als ein Eimer Wasser. Der Mann muss also aktiv werden, und die meisten Frauen wünschen es sich auch nichts anders.

Was man(n) aber oft noch lernen darf:

  • Mit Zurückweisung klarkommen
  • Es gibt kein Recht auf Frauen
  • Meine Geilheit ist nicht Deine Geilheit

Und natürlich gilt auch weiterhin:

  • Männer sind keine Schweine
  • Gegen demütigende Sprüche und Spielchen von Frauen darf man(n) sich abgrenzen
  • Abgewiesenwerden tut auch Männern weh

Und auch:

  • Viele Frauen lieben Dirty Talk
  • Viele Frauen lieben das Überwältigt-Werden
  • Viele Frauen lieben den Bad-Boy-Charme

Aber ob Maß und Timing stimmen, bestimmt die Frau und nicht der Mann. Punkt. Und „Shades of Grey“ & Co sind Fantasien und keine Gebrauchsanleitungen.

Was ist denn aber mit Komplimenten, mag man(n) noch fragen? Ganz einfach:

  • Ein Kompliment ist ein Kompliment, wenn es ehrlich wohlwollend, freundlich, und unaufdringlich formuliert und vorgetragen wird und in der inneren Haltung ganz offensichtlich eine Ich-Aussage darstellt.
  • Ein Kompliment ist kein Kompliment, wenn es Raum lässt für Abwertung, Hierarchie, Spott, Vulgarität oder Dominieren-Wollen und in der inneren Haltung ganz offensichtlich eine Du-Bewertung darstellt.

Soweit meine Gedanken zu dem Thema… Freue mich auf Feedback.

 

anz

2 Comments

  1. Saleem

    „Aber ob Maß und Timing stimmen, bestimmt die Frau und nicht der Mann. Punkt.“ Ist gut gemeint, aber:
    Hast du schonmal Tango Argentino getanzt? Würde ich empfehlen, denn dort können wir lernen, dass es auf den Kontakt und das Zusammenspiel ankommt. Sobald einer allein bestimmt, ist es vorbei, beim Tanz und beim Flirt gleichermaßen.
    Wir werden die Verantwortung nicht los, und wir können Fehler machen. Damit müssen wir lernen zu leben. Der Frau die Definitionsmacht über Stimmigkeit allein zu übertragen ist keine Lösung.

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    1. Harald Berenfänger

      Danke für Deinen Kommentar, lieber Saleem. Ja, beim Tango Argentino und beim Flirt tanzen beide gemeinsam, und nur so kann die Poesie entstehen. – In der Frage der Wirkung eines Spruchs kann die Wertung jedoch nur beim Empfänger bleiben. Genau das macht ja auch den Reiz des Flirts und der Anmache aus: ich traue mich aus der Deckung, werfe etwas in den Ring und warte, was geschieht. Der Flirt, die Anmache, das Sprüchereißen haben immer etwas Unkalkulierbares, was sowohl die Quelle unerwarteten Glücks sein kann als auch überraschender Herabwürdigung. Natürlich kann die Frau etwas zum Gelingen beitragen, indem die bsp. ihre Humorfähigkeit aus- und die ihre Kränkungsbereitschaft abbaut. Wie ein Spruch ankommt, wie er wirkt, letztlich bleibt diese Bewertung ganz bei ihr – und der Mann muss damit einen Umgang finden.

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