Mats Hummels und die Spießer

„Es gibt keine echten Typen mehr! Alle sind so angepasst und aalglatt! Wo sind die Ecken und Kanten?“ Unternehmer klagen über ihre Mitarbeiter. Bürger über ihre Politiker. Fußball-Fans über ihre Idole.

Und ja, wo sind die Angestellten, die Stars, die Minister, die nicht „Mainstream“ sind, die um die Ecke denken und leben?

Eine aktuelle Petitesse zeigt vielleicht, woran es liegt, dass so viele diesen Mangel beklagen.

  • „ Häme ohne Ende“ (Kölner Stadt-Anzeiger)
  • „Kreisch! Mats Hummels ist jetzt blond“ (Stern)
  • „Um Hummels willen!“ (Spiegel)
  • „So lacht das Netz über den blonden Hummels (Tz)
  • „Neuester Blondinenwitz“ (FAZ)

Ein Junger Mann hat mit seinen Kumpels Spaß auf einem Dorffest, geht eine launige Wette ein, verliert sie und leistet seinen Wetteinsatz: Haare färben. Ein Spaß, ein Gag, eine Anekdote für später.

Davon abgesehen, dass dieses Erlebnis außer den jungen Mann und seine Wett-Kumpanen niemanden etwas angeht und beschäftigen braucht, gäbe es viele gute Möglichkeiten, darauf zu reagieren:

  • Mitfreuen, mitlachen
  • Respekt zeigen für Worthalten
  • Selber mal etwas Verrücktes tun

Aber was zeigt sich? Häme und Hohngelächter!

Facebook und Twitter werden zum pubertär-asozialen Klassenzimmer, das den Mitschüler mobbt, der nicht so angepasst ist wie der ganze traurig-neidische Rest, der lieber dem Lehrer in den Arsch kriecht als sich selber mal aus der wohlig-feigen Ecke zu trauen.

Schlimm genug.

Aber das reicht noch nicht. Auch die nicht-sozialen Medien springen gierig auf den Zug auf. Formulieren lustig-peinliche Headlines, die anbiedernd auf das höchste Ziel der meisten sogenannten Journalisten abzielen: Klicks ’n‘ Views.

Natürlich tun sie es nicht ganz so direkt und verblödet wie die Trolle. Nein, sie nutzen eine Masche, ohne die heute keine Zeitung mehr auskommt: sie schreiben darüber, was andere in Facebook und Twitter über dieses Ereignis schreiben. Dabei raunen sie von der sogenannten Netzgemeinde, als wär die eine irgendwie erwähnenswerte gesellschaftlich bedeutsame Organisation, die zitierwürdig wäre wie eine seriöse wissenschaftliche Abhandlung.

„Netzschau“ nennen die Klick-Produzenten das und schämen sich nicht, die journalistischen Fähigkeiten, die eine gute Presseschau braucht, für sich zu reklamieren.

Mit ihrer Gier machen sie sich zum Handlager all der Hetzer, Spießer und Grauen Herren, die selber nichts auf die Reihe bekommen. Und sie zeigen all denen, die ein Hauchbreit neben dem Durchschnitt leben oder leben wollen:

Mit uns nicht! Wag es ja nicht! Wir machen dich fertig! Und wenn du endlich so quadratisch, praktisch, gut lebst wie eine fade Ritter Sport, dann killen wir dich für deine Gesichtslosigkeit, mit der du uns so langweilst.

Die Phalanx aus Alltags-Trollen und Medien macht das Anders-Sein in diesem Land zum täglichen Spießroutenlauf.

  • Das Mädchen trägt kein Rosa?!
  • Der Junge spielt mit Puppen?!
  • Eine Partei sagt vor den Wahl die Wahrheit?!
  • Eine Gamerin beschwert sich über Sexismus?!
  • Ein Prominenter genießt seinen Erfolg?!

Das Ende dieser Liste ist unerreichbar…

Frieden aber fängt im Kleinen an. Im ganz Kleinen. Frieden schaffen heißt konkret:

  • Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß
  • Mach Lach-Yoga statt lächerlich
  • Geh zum Therapeuten, wenn du deinen Hass nicht aus dem Hirn bekommst
  • Hör auf, die bessere Welt an andere zu delegieren
  • Wenn du Häme fühlst, geh ne Runde joggen
  • Hör damit auf, Bild und Focus zu lesen
  • Mach die Deppensender in Radio und TV aus
  • Geh auf News-Diät
  • Wenn du empört bist: meditiere
  • Wenn du was ändern willst: geh wählen und wirb um Wähler
  • Finde heraus, was du wirklich willst im Leben – und dann kümmer dich drum
  • Übernimm Verantwortung für deine Verletzungen
  • Säuber deine Timelines von Giftspritzen
  • Lerne, Zynismus durch Nähe und Mitgefühl zu ersetzen
  • Kapiere, dass krasse Sprüche nicht das gleiche sind wie Humor
  • Nutze Gutmensch nicht als Schimpfwort
  • Sei einfach: anständig und integer

Die Welt wird nie ein völlig friedlicher Ort werden. Aber jeder von uns kann heute anfangen, sie friedlicher zu machen als sie gestern noch war.

Zum Beispiel, indem man sich nicht mehr für die Haarfarben anderer Menschen interessiert und Medien und Artikel meidet, die das noch tun.

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Foto Mats Hummels: Von Светлана Бекетова – http://www.soccer.ru/galery/948119/photo/598908, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53470865

 

 

 

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