Die Gewalt gekränkter Männer. Was AfD und IS, Brexit, Amokläufer und US-Cops verbindet

Kränkung ist die zentrale Ursache von Verbrechen und Gewalttaten – so beschreibt es der Gerichtspsychiater Reinhard Haller in einem erhellenden Interview mit der WELT.

„Kränkungen bedeuten Angriffe auf Selbstachtung, Ehrgefühl und Werte, sie treffen uns im Innersten.“

Wer NLP gelernt hat, kennt die Logischen Ebenen von Robert Dilts. Demnach könnte man sagen, dass Attacken auf den Ebenen „Beliefs“ und „Identität“ den Keim der Katastrophe in sich tragen.

Haller betont, dass es alleine der Gekränkte ist, der darüber entscheidet, ob eine Kränkung stattgefunden hat.

„Ob ich gekränkt bin, hängt aber ganz von mir ab, ob ich schon einen unfreundlichen Blick oder ignoriert zu werden als kränkend empfinde. Eine Beleidigung kann auch von außen wahrgenommen werden, davor schützt uns sogar der Gesetzgeber. Die Demütigung ist die schlimmste Form der Kränkung, die keinen Ausweg mehr lässt. (…) Entscheidend ist: Was lasse ich als Kränkung zu? Man muss die Lufthoheit darüber haben, ob ich eine Kränkung annehme, nur so kann ich mit ihr zurechtkommen und sie wieder loswerden.“

Haller nennt in dem Gespräch zahlreiche prominente Beispiele gekränkter Menschen: Michelangelo, Robert Schumann, Adolf Hitler, die Amokläufer der Gegenwart, die Charlie-Hebdo-Attentäter usw. Dabei wird eines furchtbar deutlich:

„Wir reden hier immer nur von gekränkten Männern.“

Und dies in allen Bereichen: In der Politik (aktuell sichtbar im weltweiten Erstarken der Reaktionäre und Rassisten), in der Kunst, in der Schule, und auch

„Familientragödien (…) hängen meist damit zusammen, dass der Mann seine Macht verliert, weil die Frau sich autonomisiert, auch ohne ihn leben kann. Er wehrt sich mit Bitten und Drohen und treibt die Frau noch weiter weg. Diese Niederlage erträgt er nicht, wie Männer überhaupt psychische Belastungen viel schlechter vertragen als Frauen. Sie wollen rasche, radikale Lösungen, Frauen sind bereit, Dinge auszutragen. Wenn er verliert, schwört er sich, einmal zeig ich’s euch noch. Von seinem letzten ‚Sieg’ lesen wir dann in der Zeitung.“

Die Welt erlebt gerade, dass ein jahrhundertelang gültiges Männerbild zum Auslaufmodell wird; dass Männlichkeitsformen nicht länger gebraucht werden, die Männer seit Generationen für ihren Selbstwert und ihre (Vor-) Macht (-stellung) genutzt haben. Die Kombi „männlich-weiß-alt-hetero“ ist binnen weniger Jahre zum Schimpfwort mutiert (und zeigt, by the way, feministischen Sexismus und Rassismus), und die Verunsicherung, die Männer weltweit erfasst, bringt eine typisch männliche Eigenschaft um so deutlicher in den Blickpunkt: der Mann sei

„stark im Austeilen, im Entwerten anderer, im Einstecken ist er ganz schwach und mimosenhaft. Die Hitlers und Neros dieser Welt sind nicht psychisch krank, das sind bösartige Persönlichkeiten, dabei intelligent und charmant, aber extrem narzisstisch, nicht auf diese lästig-harmlose Art, sondern voller Minderwertigkeitsgefühle. Ein Einäugiger kann nur König bleiben, wenn er nur Blinde um sich duldet. Er ist von völliger Mittelmäßigkeit bis Jämmerlichkeit und macht sich größer, indem er andere entwertet. Er hat außerdem ein hohes Maß an Sadismus.“

Das zeigt sich in der AfD, bei den beiden Brexit-Feiglingen aus England, bei Donald Trump, bei Pegida, in patriarchal geprägten Religionen (im Moment besonders im Islam), bei weißen US-Polizisten usw. usw.

Auf die Frage nach der Lösung sagt Haller:

„Leute nie zu loben, ihre Meinungen nicht anzuhören, sie auszuschließen – das alles wirkt kränkend. Ich möchte dafür sensibilisieren, sich in die Haut des anderen zu versetzen. (…) Ich muss mir meine Kränkung bewusst machen, denn oft weiß ich von ihr gar nichts. Das ist schon die halbe Miete. Sie verliert ihren Schrecken. Humor wäre gut, auch gegenüber dem Kränkenden. Die edelste Form wäre eben das Verzeihen, weil man sich befreit von einem inneren quälenden Gärungsprozess. Weil es einem selbst wieder Frieden bringt.“

Bei all dem wird noch mal deutlich, warum Stephen Hawking sagt:

„Die Empathie wird das Entscheidende für das Überleben der Menschheit sein, alles andere können Computer ja schon besser als wir.“

Gerald Hüther spricht ja auch von den Beziehungen, von deren Qualität er die Zukunft des Menschen abhängig sieht. Nach den großen fünf technischen Innovationen (Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Petrochemie, Informationstechnologie) wird der 6. Kondratieff-Zyklus wohl in einer evolutionären Verbesserung der emotionalen Verbindung zwischen den Menschen bestehen (das sag jetzt ich; nicht Haller…).

Also, spannendes Interview! Für Coaches und Therapeuten, für Politik-Interessierte, für Männertrainer – und für alle anderen nachdenklichen Menschen auch.

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