„Köln“ – oder die Geburt einer neuen Freiheit

Köln steht seit Silvester nicht mehr nur für Karneval, Kölsch und Klüngel – „Köln“ ist zu einer Chiffre geworden für eine Komplexität, die nur schwer zu akzeptieren ist. Sie greift tief ins mentale Gebälk des Einzelnen hinein; und ebenso in alle Gruppen dieses Landes und in die Gesellschaft als Ganzes.

Wer Persönlichkeitsentwicklung so betreibt, dass man auch dorthin schaut, wo es weh tut, stößt irgendwann auf dieses Phänomen: Eherne Gewissheiten zerfließen. Was eben noch gut war, zeigt plötzlich auch Schattenseiten. Wer als böse etikettiert wurde, offenbart freundliche Aspekte.

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Im Männercoaching beispielsweise gilt: Wer mit seinem Vater ins Reine kommen will, muss in seinem Herzen zwei Zimmer für ihn einrichten. Im ersten ist all das zu Haus, was wir an unseren Vätern lieben – ihre Stärke, ihre Fürsorge, ihrem Humor, ihre Weisheit, ihre Klarheit usw. Im zweiten Zimmer wohnt all das, was uns an unseren Vätern zornig macht – ihre Abwesenheit, ihre Gewalt, ihr Desinteresse, ihr Schweigen usw.

Männer, die für ihre Väter nur eines der beiden Zimmer hergerichtet haben, kann man gut erkennen. Die einen wirken irgendwie ungreifbar, soft, unmännlich, kraftlos. Die anderen neigen zu Bitterkeit, Zynismus, Depression, Fühllosigkeit.

Im Männercoaching geht es darum, den Vater so zu akzeptieren und zu nehmen, wie er ist. Mit allen Facetten. Ohne Ausnahme. Und nichts mehr von ihm zu erwarten. Kein liebes Wort, keinen Anruf, keine Entschuldigung, kein „Ich-Bin-Stolz-Auf-Dich. Nichts.

Auch geht es nicht darum, dem Vater zu verzeihen oder um irgendeine Art des Schwamm-Drüber. Da würden sich die Söhne drüber heben oder drunter stellen und versuchen, das Geschehene ungeschehen zu machen. Funktioniert nicht.

Der Sohn muss den Vater nehmen wie er ist bzw. wie er war. So wie er ihn erlebt hat. Ungeschminkt, ohne Hass, ohne Verklärung, ohne Wünsche. Der Weg dahin ist meist steinig und gehört oft zu den aufwühlendsten Erfahrungen im Leben eines Mannes.

Ganz gleich wie einfach oder wie schwer es dem Mann jeweils fällt: Im Herzen und im Körper zum ersten Mal wirklich zu spüren, wie sich diese Ambivalenz anfühlt, ist ein heftiger Moment. Zu fühlen, dass man einen so wichtigen Menschen zugleich lieben und hassen kann, kann sehr verwirrend sein. Noch gesteigert durch die Erkenntnis, dass das nichts ist, was diesen Zustand mildert: Kein Vergeben, kein Zur-Rede-Stellen, kein Abtun. Nichts. Es ist wie es ist. Und es bleibt so. Ambivalent. Alles zugleich.

Nur wenn der Mann die Ambivalenz in Bezug auf sein Verhältnis zu seinem Vater vollumfänglich annimmt, wird er frei und kann die Last ablegen, die vielleicht so lange an seinen Schultern gezogen hat. Für diesen Prozess gibt es keine Abkürzung, keine Affirmation, kein Medikament. Nur Mut und Ehrlichkeit mit der Wirklichkeit.

Die Freiheit, die danach auf einen wartet, ist unbeschreiblich.

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Was hat das nun alles mit „Köln“ zu tun?

Bis zu den Verbrechen der Silvesternacht galt vieles als eindeutig:

Flüchtlinge waren arm dran und bekamen die ehrenamtliche und tatkräftige Hilfe tausender Bürger unserer Gesellschaft. Als Nachkommen von Menschen, die die Welt vor 75 Jahren mit unsäglichen Verbrechen überzogen hatten, wollte man der Welt zeigen, dass es möglich ist, dem Fremden auch anders zu begegnen als mit Ablehnung, Gaskammer und Judenstern. Seit Monaten stiften deutsche Bürger Zeit, Tatkraft, Ideen, Geduld und Geld dafür, dass Menschen, die sich bis zu uns geflüchtet haben, halbwegs gut an- und weiterkommen. Ohne diese Bürger wäre unser Land wahrscheinlich schon flächendeckend zu einem einzigen Lageso geworden. Auf Facebook, Twitter und in den Kommentarspalten stemmt sich zudem eine große Zahl von Bürgern dem wachsenden Mob aus hassenden, hetzenden und gewalttätigen Menschen entgegen und wird nicht müde, um Differenzierung, Menschlichkeit und Zuversicht zu werben.

Und dann das.

Dann begehen Menschen Verbrechen, die in ihrer Konstellation alles auf den Prüfstand stellen, was bis dahin galt – und was manchmal nicht leicht aufrecht zu erhalten war.

Urplötzlich zeigt das Fremde, das man so bereitwillig aufnehmen wollte, eine böse Fratze und erschüttert das ganze Land.

Und ganz gleich, wie sehr nun für Differenzierung geworben wird – Nicht alle waren Flüchtlinge / Eigentlich ging es um Trickdiebstahl / Die Frauen haben nicht genug Abstand gehalten / Es ist ein Männer- und kein Flüchtlingsthema / Es wurde zu wenig integriert / Wären die Täter weiß, würde kein Hahn danach schreien / Jedes Oktoberfest ist schlimmer – ganz gleich, was alles ins Feld geführt wird und was davon „richtig“ ist:

„Köln“ hat dafür gesorgt, dass wir als Einzelne und als Gemeinschaft der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass wir den „Fremden“ so nehmen müssen wie er ist und nicht wie wir ihn gerne hätten und wohin wir ihn „integrieren“ wollen.

Der Fremde kommt zu uns als Bereicherung und als Scheusal und als alles dazwischen, und wir müssen ihn so nehmen wie er ist. Denn erst dann, wenn wir die Wirklichkeit so annehmen wie sie ist, können wir nach den jeweils besten Wegen suchen, mit dieser Wirklichkeit umzugehen.

Die bisherigen Lager, die Orientierung versprachen, lösen sich gerade auf, denn sie passen nicht mehr in ihrer Einseitigkeit. Linke werden rechts, Alternative werden konservativ, Freigeister bekommen Hassgefühle, Feministinnen werden der Untätigkeit bezichtigt, Arsch-Huh-Zäng-Ussenander kennt seinen Gegner nicht mehr, Medien haben Angst Rassismus zu befördern, Polizisten gelten als schwächlich oder bedauernswert usw. usw.

* * *

Die Welt verändert sich gerade in einer Weise und in einer Geschwindigkeit, die geradezu aberwitzig anmuten. Und wieder bilden sich Einseitigkeiten: Von „Kein Problem, wir kriegen alles hin!“ bis hin zu „Stacheldraht, Obergrenze, Verrecken lassen!“

Und je lauter die Vertreter dieser Pole schreien, desto schwerer fällt es denen dazwischen, ihre Wahrheit zu finden und für sie einzustehen. Wer Grautöne zulässt, findet sich schnell im Shitstorm wider.

* * *

Die Welt verändert sich, und diese Veränderungen haben viele Ursachen. Auch hier gibt es keine Eindeutigkeiten. Allen USA- und Moslem-Hassern zum Trotz ist die Wirklichkeit komplex und ambivalent – in einem Ausmaß, durch das viele sich überfordern lassen, so dass sie wieder nach einfachen Lösungen rufen.

Die Anbieter stehen auch schon bereit und bilden nur zu gerne eine neue Achse des Bösen: Pegida, die Regierungen in Polen, Ungarn oder Russland, Donald Trump und Marine Le Pen und viele, viele mehr. Sie alle nähren sich und ihre Machtgier aus der Angst, die aus Einseitigkeit erwächst, versprechen Erlösung von der Komplexität und führen doch unausweichlich in Diktatur und Faschismus.

Diesen Erscheinungsformen des Bösen haben sich bis „Köln“ unglaublich viele deutsche Bürger entgegen gestellt und damit der Welt und sich selbst und ihren Vorfahren beweisen, dass „deutsch“ auch anders kann als monströs.

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Und dann das.

„Köln“ birgt die Gefahr, dass die, die sich bisher für „Liebe“ statt für „Angst“ entschieden hatten, durch die brutal offenbar gewordene Ambivalenz des Fremden so erschüttert werden, dass sie still und kraftlos werden – und somit denen das Feld überlassen, die so begierig darauf warten, dass „er wieder da ist“; die sich nichts sehnlicher wünschen, als zu den Füßen ihres Führers alles Fremde mit Füßen zu treten.

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Im Umgang mit den Fremden war manches naiv, aber es war von „Liebe“ getrieben. Diese Naivität ist seit „Köln“ nicht mehr möglich. Wir stehen nun vor der Aufgabe, die Wirklichkeit in ihrer Ambivalenz anzunehmen wie sie ist. Mit Lösungswegen, von denen manche bis eben noch undenkbar schienen.

Naivität aufzugeben ist schmerzlich, vor allem wenn ihre Motivation so edel war.

Umso mehr müssen die, die in einem anständigen Staat leben wollen, zusammen stehen, um sich von „Köln“ nicht zerreißen zu lassen – weder seelisch, noch politisch, noch medial.

Die Einseitigkeit der Hassenden und der Verängstigten führt in jedem Fall in die Katastrophe. Die Wirklichkeit anzunehmen wie sie ist, ist sehr viel mühsamer – aber dies birgt zumindest die Möglichkeit einer besseren Zukunft.

 

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